Impuls zum 15. März 2026
Von Ferdinand Kerstiens (Marl), pax christi Münster
Sehend werden
Evangelium nach Johannes 9,1-41
„In jener Zeit sah Jesus unterwegs einen Mann, der seit seiner Geburt blind war…. Jesus spuckte auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als zurückkam, konnte er sehen….“
Der Blinde sieht nicht auf einmal. Es ist eine lange Geschichte. Hier kurz die Hintergründe und der Verlauf dieser Geschichte: Er ist blind geboren. Die Blindheit zwingt ihn zu betteln. Er sitzt irgendwo an der Straße. Seine Leben hat buchstäblich keine Aussicht, keine Zukunft. Die Vorurteile der Menschen verdoppeln seine Aussichtslosigkeit: Blindheit ist Folge der Sünde, so meinen viele, persönliche Schuld oder Schuld der Eltern. Auch die Jünger Jesu fragen so. Da sieht Jesus ihn. Dieses Sehen Jesu hängt nicht nur von den Augen ab. Jesus sieht ihn, den Menschen. Er nimmt ihn wahr mit seiner ganzen Not.
Dann macht Jesus einen Brei und verschmiert die blinden Augen noch einmal mit dem Brei. Er sagt nicht einfach: Sei sehend! Sondern er schickt den Blinden weg zum Teich Schiloach, damit er sehend werde. Der Blinde macht sich auf den Weg, gehorcht im Vertrauen. So wird er selbst Subjekt seines Sehend-Werdens, Subjekt des Wunders, nicht nur Objekt von Jesu Handeln.
Nun kann er sehen mit seinen Augen. Aber damit ist noch nicht alles gut! Er gerät in eine Kette von Auseinandersetzungen. Die Eltern ziehen sich zurück. Mit dem sehend gewordenen Sohn können sie nichts mehr anfangen. Der bringt nur Schwierigkeiten. Einige meinen: der ist gar nicht blind geboren. Die Nachbarn wollen es nicht glauben. Ein Teil der Pharisäer will es nicht wahrhaben, Heilung durch diesen Jesus: Das kann doch nicht wahr sein; andere sagen: Heilung am Sabbat: das darf nicht sein. Wir können das entscheiden, denn „Wir sind die Jünger des Mose“ (Joh 9,28). Wir sagen, was wahr ist. Sie stoßen ihn aus der Synagoge aus und suchen nach Jesus, der sich am Sabbat versündigt hat.
Doch der sehend gewordene Blinde lässt sich nicht beirren. Keiner kann ihm seine Erfahrung, seine nun sehenden Augen ausreden. Dann die erneute Begegnung mit Jesus. Jetzt erst sieht der Blinde ihn wirklich! Das Gespräch mit Jesus öffnet ihm endgültig die Augen, auch die inneren Augen seines Herzens: „, Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.“ (Joh 9,38) Da reichen keine Worte mehr. Doch einige Pharisäer fragen Jesus: „Sind auch wir blind? Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wäret, hättet ihr keine Sünde; aber ihr sagt: Wir sehen, darum bleibt eure Sünde.“ (Joh 9,40f), Schluss des heutigen Evangeliums.
Wir?
Erkennen wir uns in dieser Geschichte wieder? Wir sehen, aber irgendwo sind wir selbst blind, haben wenigstens unsere blinden Flecken. Viele der Vorübergehenden haben ja den Blinden gesehen und doch nicht gesehen. Wir sehen nur, was wir wollen. Das andere blenden wir aus. Wir sehen nur, wen wir wollen. Die anderen blenden wir aus. Sie sind für uns höchstens Kulisse, mehr nicht. Sie stören für manche nur „unser Stadtbild“.
Gewiss, wir sind heute einer Flut von Bildern ausgesetzt. Die (a)sozialen Medien überschwemmen viele, abgehackte Sätze und Parolen. Für manche werden sie zur Sucht: Einfach abtauchen in der eigenen Blase. Da sehe ich nicht die Not von Menschen neben mir, nicht die Not der Opfer von Gewalt, nicht die Mechanismen der Ungerechtigkeit in unserer wirren Welt. Selbstgewählte Blindheit ist viel schwerer zu heilen, weil ich sie nicht als Not empfinde, weil ich sie gar nicht preisgeben will, weil ich mich gut damit eingerichtet habe. Da mache ich mich gar nicht auf zum Teich Siloam, um sehend zu werden. So sind wir unterwegs mit all unserer Blindheit, mit all unseren Dunkelheiten, auch mit der Dunkelheit tief unten in unserem Herzen, in die wir gar nicht hineinzuschauen wagen.
Es ist ein Risiko, wenn wir sehend werden. Wie kann ich meine Untiefen aushalten? Wie gehe ich dann damit um? Welche Konsequenz hat das für mein Verhalten, wenn ich sehend geworden bin für die anderen Menschen in ihrer Not? Und wie reagieren die anderen neben mir, wenn ich sehend geworden bin? Welche Auseinandersetzungen erwarten mich, wenn ich sehend werde? Hier geht es ja auch nicht nur um diesen einen Menschen, es geht um die religiösen Vorurteile und Strukturen der Macht „Wir sind die Jünger des Mose.“ Religiös begründete Verurteilungen z.B. in Fragen der Sexualität, religiöse Rechtfertigung von Macht und Krieg – all das leider auch heute tägliche Wirklichkeit, die Menschen ausgrenzt und das Leben raubt.
Das zeigt uns schon dieses Evangelium: Die Sehend-Gewordenen sind die Unbequemen. Das gilt für unsere ganze Gesellschaft. Wir sehen oft nur, was die Mächtigen in der Medienlandschaft uns zu sehen geben: Big Brother, Millionärsschau, öffentliche Verkuppelung, die Show-Seite der Politik oder die Verführungskraft der Medien. Wir sollen nur sehen, was der political correctness entspricht, was den Mächtigen und Überreichen nützt. Völkerrecht? Was soll das!? Israel/Gaza, Russland/Ukraine, Iran/USA.… Ein verbrecherischer Krieg gegen ein verbrecherisches Regime, der eine ganz Weltregion in Brand setzt. Der Stärkere hat Recht!? Wer sieht die Opfer? Wer sieht die Menschen, jeden einzelnen? Fake News als Begründung von Gewalt und Ausgrenzung, aber: „Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ (der Fuchs in Exupéry: Der kleine Prinz)
Das gilt auch in der Wirtschaft im Großen wie im Kleinen: Ein junger Angestellter setzte sich für einen schwächeren Kollegen ein, der von den anderen gemoppt wurde. Sein Vorgesetzter: „Ich dachte, sie wollten im Werk weiterkommen.“ Wer korrupte Praktiken aufdeckt, der ist draußen. Deswegen lieber sehen und doch nicht sehen. Blindheit ist bequemer. Es dient dem eigenen Fortkommen. Trotzdem: Man muss es von unten versuchen, immer wieder neu: Aufdecken der Korruption der Mächtigen und des Geldes, das nur auf seine eigene Vermehrung aus ist. Viele NGOs können davon erzählen, wie schwer es ist sehend zu werden.
Ich denke, dass das auch in der Kirche gilt. Die vielen großen und kleinen Propheten in der Kirche, alle, die auf Veränderung drängen und sich nicht mit Durchhalteparolen abspeisen lassen, müssen mit Isolierung und Druck rechnen. Der Papst als Alleinherrscher: Legislative, Exekutive und Judikative in einer Person? Und das auch unterhalb in der jeweiligen Stufe der Hierarchie, der „heiligen“ Herrschaft? Das möchten Putin, Trump und Netanjahu auch sein. Die Wächter der alten Ordnung sind noch nicht ausgestorben. Im heutigen Evangelium: „Wir sind die wahren Jünger von Moses.“
Doch die Sehend-Gewordenen lassen sich das Sehen nicht ausreden, weder von der eigenen Familie, noch von den Nachbarn, noch von den Vorgesetzten, noch von der eigenen Partei, von der eigenen Kirche, vom Kegelklub oder vom Stammtisch. Sind wir bereit, sehend zu werden oder verkriechen wir uns lieber?
Misereor
Am nächsten Sonntag ist der Misereorsonntag. Misereor kann ein trauriges Lied davon singen, wieviel Ärger es macht, sehend zu werden und sehend zu machen für die Not in der Welt, für die Not von Menschen und ihre Ursachen. Vor ein paar Jahren hat Misereor zusammen mit vielen anderen Organisationen in der Erlass-Kampagne auf die Schuldenproblematik vieler Länder aufmerksam gemacht. Die Schuldenrückzahlungen der armen Länder fressen ja alle Hilfen auf, die ihnen jetzt gegeben werden. Dann heißt es: „Das stört die freie Marktwirtschaft. Davon versteht ihr nichts. Helft den Menschen, aber kümmert euch nicht um die Schulden!“ Misereor wird politischer, damit nicht nur die Wunden versorgt werden, sondern auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen der Verwundung vieler Menschen überwunden werden können.
Ich habe es selber in manchen Gesprächen mit Vertretern der Wirtschaft erlebt. Wenn ich auf die Kehrseite von Wirtschaft und Globalisierung hinweise, die weltweiten Folgen aus der Sicht der Opfer zu sehen versuche, dann heißt es: „Davon verstehst du nichts.“ Man darf nur sehen, was den Mächtigen nützt. Dom Helder Camara hat seine Erfahrung einmal so zusammengefasst: „Wenn ich den Hungernden Brot gebe, klatscht alle Welt Beifall. Wenn ich aber sage, warum sie hungern, heißt es: du bist Kommunist.“ Sehend werden für die Menschen in Not, sehend werden für die Dinge, so wie sie sind, ist gefährlich: Da stießen sie ihn aus der Synagoge aus oder ermordeten ihn wie Oscar Romero während der Messe und viele andere.
Dennoch: wir wollen sehend werden. Jesus will uns Mut machen, sehend zu werden in dem langen Prozess unseres Lebens, sehend für die anderen Menschen und sehend für uns selbst. Das wird auch uns in eine aufregende Geschichte verwickeln. Diesen Weg durch Licht und Schatten weiterzugehen, die Konflikte mit Geduld und Vertrauen, aber auch mit Konsequenz auszutragen, unbeirrbar auf der Spur zu bleiben oder sie immer wieder neu zu finden, das heißt: Glauben. Das führt uns zu dem, der das Licht ist. Das führt uns in seinen Tag hinein. Da werden wir dann endgültig sehend auch für ihn: „Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.“ (Joh 9,38)
Gebet
Herr, wir bitten dich nicht, dass du uns das Augenlicht zurückgeben möchtest;
wir bitten dich vielmehr, öffne unserer Gesellschaft die Augen,
damit sie die wahren Werte wie Gerechtigkeit, Liebe und Frieden erkenne.
Wir bitten dich nicht, dass du uns von unserer Tragbahre aufheben möchtest;
doch bitten wir dich um die Kraft, jene Menschen wieder ermutigen zu können
die ihre Arme fallen ließen und an dein Licht nicht mehr glauben.
Aus einem Gebet der Christlichen Bruderschaft der Kranken, Peru